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Früher Europa League, heute Provinz - Der Weg des Musa Araz

Früher Europa League, heute Provinz
Nach rund 200 Spielen im Profifussball jagt Musa Araz nun mit dem FC Brugg in der 3. Liga das Aargauer Double.
 

Winterthur, Xamax und dann FC Brugg: Den 32-jährigen Musa Araz hat es innerhalb eines Jahres plötzlich tief in den Regionalfussball verschlagen. Das ist aussergewöhnlich, denn ein Spieler mit seinem Renommée und seinem Formzustand könnte locker noch gutes Geld in der Challenge League oder der Promotion League verdienen. Doch Araz möchte mit den Bruggern lieber das Aargauer Double in dieser Saison anvisieren. Ohne Bezahlung, versteht sich – dafür mit viel Leidenschaft für den Fussball und mit Bratwurstgeschmack auf den Provinzplätzen.

In der Europea League Geschichte geschrieben

Mit dem Profifussball hat der filigrane Mittelfeldspieler abgeschlossen. Nach seinem Engagement bei Neuchâtel Xamax hätte es am Ende der vergangenen Saison zwar noch lukrative Angebote aus dem Ausland gegeben, doch Araz hatte genug gesehen. Rund 200 Spiele in den beiden höchsten Schweizer Ligen absolvierte er für Xamax, Sion, Lausanne, Winterthur und Le Mont. Zudem erlebte er ein zweieinhalbjähriges Auslandabenteuer in der Türkei, dem Herkunftsland seiner Eltern.

Besonders beachtlich: Mit Konyaspor gewann Araz 2017 den türkischen Supercup gegen Beşiktaş und war Stammspieler, als der Klub zum zweiten Mal in seiner Geschichte international antrat. Gegen Vitória Guimarães traf er beim 2:1-Sieg in der Europa League und schrieb damit Klubgeschichte: Als erster Spieler türkischer Herkunft erzielte er für Konyaspor ein Tor auf internationaler Bühne.

Der Spieler erinnert sich mit einem Funkeln in den Augen an die grossartige Zeit im Ausland zwischen 2017 und 2020: «Es war die beste Entscheidung meiner Karriere, in die Türkei zu wechseln. Die Menschen leben dort den Fussball und ihren Verein – und das nicht nur am Spieltag, sondern rund um die Uhr. Man hat dadurch als Spieler viel mehr Druck, aber auch viel mehr Wertschätzung.»

Wobei der in Fribourg aufgewachsene Araz auch die Schattenseiten des türkischen Fussballs kennenlernte. Der Wechsel zu einem Zweitligisten lohnte sich nicht, regelmässige Lohnzahlungen blieben aus. So brach er wenig später seine Zelte ab und kehrte in die Schweiz zurück. Dennoch bereut er rückblickend nichts: «Was ich bei Konyaspor erlebte, kann mir niemand mehr nehmen. Spiele gegen Galatasaray oder Fenerbahçe waren grosse Highlights. Und natürlich der Sieg im Superpokal gegen Beşiktaş.» Er führt aus: «Damals spielte Ricardo Quaresma noch gegen mich. Nach dem Schlusspfiff mussten wir bis zur Pokalübergabe drei Stunden in der Garderobe warten, bis sich die Lage wegen der aufgewühlten Fans beruhigt hatte. Das war ein prägender Abend voller Emotionen.»

Araz will mit Brugg durchstarten

Araz hätte im Sommer 2025 sogar noch einmal die Chance gehabt, im türkischen Profifussball Anlauf zu nehmen. Doch die familiären Umstände sprachen dagegen. Zu gross waren Aufwand und Risiko, zumal er inzwischen auch Vater von zwei kleinen Buben (zwei- und dreijährig) ist.

Und so kam dem in Eiken wohnhaften Araz ein Angebot aus der Aargauer Fussballprovinz ganz gelegen. Gewiss war auch die Freundschaft zu Trainer Angelo Ponte und Assistent Mustafa Doran mitentscheidend. «Ich kenne Angi aus der Beraterszene. Wir haben uns von Anfang an gut verstanden. Als er im letzten Sommer anklopfte, war ich schnell von seinen Plänen überzeugt. Der FC Brugg spielt zwar in der 3. Liga, doch der Verein könnte mit seinen Möglichkeiten locker auch in der 1. Liga spielen. Das Potenzial ist riesig, deshalb ist diese Adresse sehr spannend.»

Dazu kommt, dass sich der Ex-Profi – der während seiner Laufbahn zwar gutes Geld verdiente, aber bei weitem noch nicht ausgesorgt hat – in Brugg als Trainer entwickeln kann. In diesem Bereich könnte er sich auch eine berufliche Zukunft vorstellen: Demnächst will er das C-Diplom absolvieren und hilft dem FC Brugg bei der individuellen Talentförderung sowie bei den Pooltrainings, die der Verein für die zahlreichen Kinder auf der Warteliste organisiert.

Und so ganz nebenbei rollt der FC Brugg mit Araz im Team unaufhaltsam durch die 3. Liga und zeigt auch im Aargauer Cup dominante Auftritte: 18 Spiele, 18 Siege. So erscheint es durchaus realistisch, dass der Drittligist das Aargauer Double holen könnte. Underdogs sind die Brugger schon längst keine mehr – spätestens seit dem 5:2-Erfolg (n.V.) im Viertelfinal gegen Lenzburg sollte das bekannt sein.

Brugg verblüfft gegen kasachischen Zweitligisten

Das unterstreicht auch folgende Anekdote: Die erste Niederlage der Saison mussten die Brugger erst im Trainingslager in Antalya einstecken. Dort absolvierten sie ein Testspiel gegen den kasachischen Zweitligisten Shakhter Karaganda und verloren knapp mit 0:2. Tatsächlich waren die Gegner nach dem Spiel überrascht, als ihnen die Brugger erklärten, dass sie zwar in der 3. Liga spielen, dies in der Schweiz aber die siebthöchste Stufe ist.

Araz sagt schmunzelnd dazu: «Es ist gut, dass wir mal die Grenzen aufgezeigt bekommen haben. Aber natürlich hat es uns auch stolz gemacht, dass wir mit unserer Leistung den Gegner verdutzt haben. Ich schätze, sie hatten das Niveau einer Schweizer Profimannschaft. Wir haben uns sehr wacker geschlagen.»

Araz und der FC Brugg – das scheint perfekt zu passen. Und geht es nach dem Spieler, könnte die gemeinsame Reise noch etwas länger dauern. «Ich fühle mich körperlich noch topfit und habe Spass daran, eine zentrale Rolle auf dem Platz einzunehmen und die jungen Spieler zu unterstützen. Wenn es in diesem Stil weitergeht, könnte ich mir vorstellen, dass ich noch einige Jahre hier bleibe.» Er fügt an: «Vielleicht gelingt es uns ja, den FC Brugg wieder in eine Liga zu führen, die seinen Ambitionen gerecht wird.»